Cape Town 2010, Notizen, Teil 6 (Schluss)

Die folgenden subjektiven Notizen habe ich ad hoc während der Internationalen Konferenz der Lausanner Bewegung in Kapstadt gemacht und später etwas überarbeitet. Cape Town 2010 fand vom 17. bis 24. Oktober 2010 statt.

Sonntag
Tag der Prioritäten. Gute Bibelarbeit von Ramez Atallah (Ägypten) über Epheser 6, nachdem seine Frau vor dem gesamten Forum für ihn gebetet hat. Eine gute Geste, finde ich. „God equips us, but the initiative is ours.“ „’I want you to be strong’, says Paul., ‚So put on the armor of God.’“ „Rejoice in the richness of different ways of worship.“ „Battle against the powers means to pray, to serve, to proclaim.“

Was für mich auf diesem Kongress am stärksten spricht, sind die Stories, die erzählt werden, die ‚Zeugnisse’ (zB wie das Evangelium das Leben der Müllsammler in Kairo in kurzer Zeit revolutioniert hat). Könnte man das als eine Art narrative Theologie verstehen? Die deutschen Theologen sind nicht ganz glücklich darüber und bemängeln (möglicherweise zurecht) zu wenig theologisches Arbeiten in Kapstadt. Aber ich habe das Gefühl, dass gerade diese Stories ein probates Mittel sind, um die sehr tiefen kulturellen und theologischen Gräben zu überwinden. Unser Problem als Europäer ist es möglicherweise, dass wir zu eurozentrisch denken und unfähig zu sein scheinen, die Horizonte und Denkweisen anderer Kulturen zu erkennen und zu berücksichtigen. (BSP: Der HIV/AIDS-Abend)

Ein (eigentlich noch zu frühes) Fazit des Kongresses: Die globale Gemeinde ringt um Einheit, ist zu globalen Schuldeingeständnissen bereit, scheint aber noch häufig unfähig zu sein, eigene ‚lokale’ Versäumnisse zu erkennen und einzugestehen. Neben sehr berührenden Einzelbeispielen von persönlicher Aufopferung oder Schulderkenntnis, gibt es immer wieder Beispiele von totaler Ignoranz gegenüber eigenem Versagen oder gar struktureller Dominanz bzw. Gewalt. Die Sehnsucht nach Harmonie und Einheit ist mit Händen zu greifen, doch immer wieder schieben sich Arroganz und Machtbewusstsein zurück ins Bild.

Interessanter Zwischenfall: Bei der Erstellung der DVD mit den Filmbeiträgen und Einspielern der Konferenz, die an alle Teilnehmer verschenkt wird, ist ein Fehler passiert: Der Beitrag über Lateinamerika stößt bei den Lateinamerikanern auf Unwillen. Scheinbar hatten sie aus nicht weiter genannten Gründen nicht die Möglichkeit, den Film abschließend zu kommentieren und ihm zuzustimmen. Die DVD kommt trotzdem heraus, die Lateinamerikaner waren „freundlich und gnädig“ (Birdsall) genug, die Herausgabe zu erlauben. Wenn man weiß, dass es im Vorfeld deutliche Spannungen zwischen Lateinamerika und der Lausanner Bewegung gab, fragt man sich unwillkürlich: Was ist da wirklich hinter den Kulissen passiert? Ist das alles nur ein unglücklicher Faux pas, wie Birdsall es darstellt? Hoffentlich!

David Ruiz (Guatemala), ein weiteres Highlight: „Partnership has a high price: humility.“ „If you want to partner with other christians/churches: be ready for humiliation (to be cast aside, to be the last, to be ignored, treated without respect, to not receive the appropriate respect for your hard work).“ „The reason for the lack of partnerships between us: lack of maturity, lack of humility.“ „end the colonisation of ideas to achieve real partnership!“

Patrick Fung (Singapur): „Freu dich darüber, wenn andere die Chance haben zu leiten; freue dich, wenn du zurücktreten darfst, damit andere nach vorne treten dürfen.“ (meine Paraphrase) „Equilibrium between us is possible. Requires death to self, humility, submission to Jesus and the cross.“ „Arrogance and self pity: two major barriers that hinder world evangelisation.“

Brenda Salter-McNeil (USA): „It’s always been the margins that speak to the centre.“ „The days of the superstars are done. Now it’s the time for partnership.“ (Das ist sehr wohltuend, nach all den Hymnen auf Billy Graham, die auf diesem Kongress gesungen wurden.)

Treffen der deutschen Delegation. Rolf Hilles Antwort auf die Kritik, es würde hier zu wenig ‚richtig’ (meine Bezeichnung) theologisch gearbeitet: Der theologische Zugang über Geschichten ist typisch für die Zwei-Drittel-Welt. Wir können uns angesichts der zunehmenden zahlenmäßigen Dominanz der Kirche des Südens darauf einstellen, dass das eher noch zunehmen wird.

Nach dem sehr positiven Feedback der deutschen Delegierten auf den Kongress bin ich etwas verunsichert. Habe zusammen mit Christina Brudereck und Daniel Rempe einer norwegischen Journalistin ein Interview gegeben und offen meine Unzufriedenheit ausgedrückt. Kritisierte u. a.: Spannung zwischen den ‚Proklamatoren’ und den ‚Holisten’, die führende us-amerikanische Hand, mangelnde Partizipationsmöglichkeiten der Teilnehmer, eine teilweise technische, fast autistische Sichtweise auf Weltmission. Habe gesagt, dass die Lausanner Bewegung noch weit davon entfernt ist, einen spürbaren Einfluss auf die globale Gesellschaft zu haben. Habe auch Positives erwähnt. Trotzdem: War ich zu negativ?

Habe in der Deutsch-Lutherischen Kirchengemeinde in Kapstadt beim sehr schönen Abendgottesdienst gepredigt. Hat unglaublich Spaß gemacht. Danach verspätet zur Abschlussveranstaltung ins Kongress-Zentrum. Während einige der Deutschen scheinbar nicht viel mit der Veranstaltung anfangen konnten, habe ich den Abend nicht nur genossen, sondern sogar dringend braucht. Der Prediger (Lindsay Brown zusammen mit dem Heiligen Geist) erwischte mich mit der Geschichte eines Missionars in Burma, der Zeit seines Lebens trotz großer Opfer keine Resultate seiner Arbeit gesehen hatte, aber den Grundstein gelegt hatte für spätere Erweckungen unter den Einwohnern. Fühle mich herausgefordert, nicht auf Resultate zu schauen, sondern auf das, was Gott will (Sam ist Sam – Ich bin woanders.)

Habe anfangs konsterniert und irritiert den orchestralen Bombast der Veranstaltung bestaunt. Später hat mich das gemeinsam gesprochene, sehr lange Gebet der Buße und des Bekenntnisses des Kreuzes und der Gnade Gottes tiefer und tiefer hineingezogen in … was eigentlich? Genoss die Gemeinschaft mit meinen Geschwistern (auch den us-amerikanischen). Das folgende Abendmahl empfand ich als sehr bewegend. Später hatte ich eine sehr tiefgehende Begegnung mit Abba (Gott, nicht die Band!). Neues Verständnis für die Vaterschaft Gottes. Habe anschließend vergnügt und irgendwie versöhnt meinem speziellen us-amerikanischen Freund zugeschaut, wie er beim Schmalz-Worship des vorigen Jahrhunderts richtig abging. Hab ihm das gegönnt. Während des Worships seh ich Rainer Koch von seinem Tisch aufstehen. Der lange Ostfriese stapft mit entschlossenem Gesicht die mehreren hundert Meter quer durch die Halle geradewegs zu meinem Platz, nimmt mich in den Arm und spricht mir den Frieden Gottes zu. Sagte ihm später, dass mich das sehr ermutigt und gefreut habe. Er sagte, das wisse er, das sei der Heilige Geist gewesen. Hab ihm das auf Anhieb geglaubt.

Habe die Abschlussveranstaltung unterm Strich als kraftvollen Beweis der Einheit im Heiligen Geist und als Beweis des Willens zur Einheit wahrgenommen – trotz aller Irritationen und Differenzen.

Morgen geht’s nach Hause. War schön. Aber jetzt reicht’s irgendwie auch.

7 Kommentare

  1. Jörg

    Vielen Dank für deine ehrlichen Berichte und Gedanken. Ich habe sie aufmerksam verfolgt und dadurch einen Einblick in die Konferenz bekommen. Mir ist die Lausanner Bewegung bisher nur mir Beschlüssen in irgendwelchen Büchern begegnet.

  2. Martin P.

    Mal ne Frage zu dieser Aufzeichnungen: Woran machen die deutschen Theologen/Vertreter fest, dass zu wenig theologisch gearbeitet wird? Oder noch konkreter: Ziehen sie den Zusammenhang, dass der Zugang über Geschichten zu wenig theologisch ist? (das kam beim lesen für mich so raus).
    Ich beschäftige mich sehr mit Geschichten und glaube, dass sie auch in der westlichen Welt zunehmend an Bedeutung in der Theologie gewinnen werden.

    • marburgersyndikat

      Hey Martin, ja, so habe ich die Kritik verstanden. Ich würde sogar vermuten, dass sie die Geschichten gar nicht als ‚Theologie machen‘ wahrgenommen haben. Ich bin ja kein Theologe, vielleicht kann ich das nicht beurteilen. Aber ich denke auch, dass Geschichten zumindest einen wesentlichen Beitrag zur Theologie im Allgemeinen leisten können. Möglicherweise sind sie aber nicht präzise genug, um komplexe Probleme zu lösen. Vielleicht aber auch doch. Habe mich zu wenig mit narrativer Theoloie beschäftigt, um das beantworten zu können.

      • Danke für die Antwort! Das finde ich eine sehr spannende Beobachtung, die mich mir zeigt, dass das Thema Theologie und Geschichten wichtiger wird. Ich habe mich ausführlicher mit dem Thema im Rahmen meinr MA-Thesis beschäftigt. Es wird Zeit, dass ich mal mehr drüber blogge.

  3. Hi Gofi, I’ve been reading your entries about Lausanne with great interest. A cousin from the States was there representing Tyndale and an old friend was one of the delegates from China that did get to go, so I have heard a few different perspectives. I was hoping you would mention something about the „Women in Leadership“ presentations… my friend from China (a Campus Crusader) reported that they were not the highest academic/intellectual quality and weren’t very convincing. He also mentioned that there were about 25 % women… I’m not sure if he meant in total attendance or if he was speaking about those who made presentations.
    And I had also been wondering if there was anyone there from Papua New Guinea… and I guess you answered that question! I’m betting it would be a stretch for you to remember „Tom’s“ whole name and where he came from, or? Was he a PNGer or a missionary to PNG…
    Anyway, thanks for the window into the secret society… lee

    • marburgersyndikat

      Hi Lee, also das Bemühen, möglichst viele Frauen als Sprecherinnen auf der Bühne zu haben, war zu spüren. die 25% müssten sich auf die Sprecherinnen beziehen, Teilnehmerinnen waren sicher deutlich mehr da. Was die Qualität der weiblichen Sprech-beiträge angeht, kann ich deinem Freund aber nicht zustimmen. Es gab hervorragende Statements (mir haben am besten Ruth Padilla DeBorst und Brenda Salter-McNeil gefallen) – und dann war es auch nicht so, dass die männlichen Beiträge samt und sonders anspruchsvoll und von hoher Qualität gewesen wären.

      Hey, übrigens: Wenn ich mich über US-Amerikaner aufrege, dann meine ich nicht US-Amerikaner. Ich meine diese besondere Gruppe von Menschen, die besonders häufig in den USA, aber auch in Europa und Deutschland zu finden ist. eigentlich ist es ein ziemlich plumpes Klischee, das ich da bediene, aber im Kontext dieses Kongresses hat es einen gewissen Sinn ergeben. (dich mag ich nämlich. Und du kommst doch auch auch den USA. Und mein Tablegroup-Leader Eddie aus New York war einfach eine Seele von Mensch. Ein toller Typ.)

      Tom … den Namen konnte ich mir nicht merken. Er war Evangelist und arbeitet mit einer Studenten-Organsiation an der Uni in Kualalumpur und an anderen Unis.

  4. Pingback: Der theologische Zugang über Geschichten « Martin Preisendanz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: