Als ich dieses Bild in den Garten trug, um es zu fotografieren, begegnete ich meinen Schwiegereltern im Flur. Achtung! sagte mein Schwiegervater zu seiner Frau, m … Dann schwieg er lieber, vielleicht, um meine Gefühle nicht zu verletzen. Moderne Kunst. ergänzte ich. Genau. sagte meine Schwiegermutter grinsend. Das, wovon wir nichts verstehen.
Ich glaube nicht, dass sie damit sagen wollte, dass sie meine Bilder unansehnlich, komisch und irritierend findet. Stattdessen wird sie nicht müde zu behaupten, dass sie für dieses und jenes eben zu blöd sei. Und damit eben auch für moderne Kunst. Aber so dumm ist sie natürlich überhaupt nicht, und selbstverständlich könnte ich sie sogar verstehen, wenn sie meine Bilder unansehnlich, komisch und irritierend fände. Insgeheim, davon bin ich überzeugt, denkt sie das nämlich. Aber sie würde mir das nie sagen, um mich nicht zu kränken.
Eine entfernte Bekannte wollte gerne mal meine Bilder ansehen. Also führte ich sie durchs Haus und zeigte ihr die, die bei uns an den Wänden hängen. Ah ja, sagte sie. Interessant … Und dann sagte sie etwas sehr Wahres: Deine Kinder inspirieren dich anscheinend sehr. Vielleicht wollte sie damit sagen, dass ich ungefähr genauso gekonnt Bilder male wie meine sechs und acht Jahre alten Söhne (um ehrlich zu sein: Das versuche ich tatsächlich.) Vielleicht traf sie aber auch den Nagel auf den Kopf. Ja, das Zusammensein mit meinen (autistischen) Söhnen veranlasst mich immer wieder dazu, das alles ästhetisch zu reflektieren und künstlerisch zu verarbeiten. Das gilt auch – sogar im besonderen Maß – für dieses Bild. Und weil erst neulich wieder ein guter Freund sprachlos und ein wenig ratlos davor stand, versuche ich im Folgenden zu erklären, warum dieses Bild so aussieht, wie es aussieht – auch wenn jeder weiß, dass man Bilder nicht malen müsste, wenn man das, was sie ausdrücken wollen, auch sagen könnte.
Das Bild heißt ‚Archu-Stars‘, und es handelt vom Zusammenleben mit meinen Söhnen und von unserer nicht ganz alltäglichen Familie. ‚Archu-Stars‘ ist eine Wortneuschöpfung. Sie entstand, als mein jüngerer Sohn versuchte, ‚Schatzsucher‘ rückwärts zu sagen, und ich ihn dabei nicht verstand, weil es noch früh am Morgen und ich gerade aufgewacht war. Ich verstand ‚Archu-Stars‘ und war von diesem Wort wie elektrisiert, weil es eine passende Bezeichnung für meine Söhne zu sein schien. Bei Archu denke ich an anarchisch, archaisch, vielleicht an Arche (weniger an Archibald). Ich denke an ein Dasein, das zwar im Hier und Jetzt stattfindet, aber seinen eigenen Regeln folgt, weil es die geltenden Konventionen sprengt. Die Rücksichtslosigkeit, mit der das geschieht, wird dabei von einem koboldischen Gelächter begleitet, das die Regelverstöße einerseits feiert, andererseits als leider unvermeidbar entschuldigt. Die Archu-Stars stehen als stark reduzierte Figuren prominent im Vordergrund des Bildes. Sie fungieren als Repräsentanten des bunten Tanzes, der sie umgibt, mit einer Körperhaltung, die zu sagen scheint: Nimm es – oder lass es!
Viele Motive, die verwendet werden, sind Motive aus unserem Alltag. Es sind keine alltäglichen Gebrauchs-Gegenstände, sondern es sind
alltägliche Gesprächs-Gegenstände. Über diese Themen reden und reden und reden wir (oder haben das getan). Es sind Fetische im eigentlichen Sinn. Sie haben einen zugewiesenen Wert, der nur darin besteht, dass er eben zugewiesen wurde und von jetzt an als Wert gehandelt wird (Ein Phänomen des Autismus, das, wie ich meine, große Parallelen zum Fetischcharakter von Kunstwerken hat. Was sagte Gerhard Richter, als seine Bilder für Abermillionen verkauft wurden? ‚Absurd!‘) Zu sehen sind (von links oben im Uhrzeigersinn): ein Hummer, eine Rakete, ein Planet, ein Pfau, ein Vulkan. Klar, man könnte diese Motive als Allegorien verstehen. Allegorien haben eine klar zugewiesene Bedeutung, ihr Verständnis folgt also eindeutigen Regeln. Das würde insofern passen, als bei uns Regeln durchaus wichtig sind und penibel eingehalten werden müssen (auch wenn es oft andere Regeln sind als die normalerweise üblichen). Die Motive als Fetische zu verstehen, ist allerdings schlüssiger, weil sogar die Regeln bei uns zu Hause einen Fetischcharakter haben.
Hinzu kommen scheinbar spontan hinzugefügte Graffiti, wie Namen von Waschmaschinen (ein weiterer Fetisch), die stilisierte Darstellung eines Wirbelwindes, eine weitere Hummer-Darstellung und – graphisch ähnlich stark reduziert wie die Archu-Stars – zwei Tiersymbole: eine Gazelle (links) und eine Wildgans (rechts). Ikonographisch nehmen diese beiden Symbole eine vermittelnde Rolle ein zwischen den stark reduzierten
Darstellungen der Archu-Stars und den anderen aufwendiger ausgearbeiteten stark farbigen Motiven. Sie sind auf die nötigsten äußeren Merkmale reduziert und nur leicht coloriert. Die beiden Tierdarstellungen stehen für jeweils ein Paar von Gegensätzen. Die Gazelle vereint die Wehrhaftigkeit der Hörner mit dem ihr angeborenen Fluchtreflex, während die Wildgans für große Zielstrebigkeit steht, die aber dennoch niemals wirklich ankommt. Auf diese Weise drücken die Tiersymbole eine Spannung aus, die nicht aufzulösen ist, weil sie ihnen wesensmäßig innewohnt.
Im Zentrum des Bildes prangt das Bildmotto, als wäre es gewaltsam hineingeschleudert worden (Dieser Satz steht wortwörtlich so auf einem Schild
an der Zimmertür unseres jüngeren Sohnes.): Niemand darf hier rein! Außer einem, der aber gerade weg ist. Wenn das als Aufforderung an die Betrachter gemeint sein sollte, den Blick abzuwenden und erst gar nicht zu versuchen, das Bild ‚zu betreten‘, dann steht von vorne herein fest, dass diese Aufforderung missachtet werden wird. Eine weitere Spannung, diesmal zwischen Anspruch und Wirklichkeit. (Übrigens betreten wir das Zimmer unseres Sohnes jeden Tag.)
Die Motive sind auf einem Hintergrund angeordnet, der beides ist, diffus und klar strukturiert. Diese Grund-Spannung entspricht der Spannung, in der wir leben: Unser Alltag folgt auf der Oberfläche klaren Strukturen und vorhersagbaren Routinen, ist aber dennoch in der Tiefe schwer zu verstehen, weder für Außenstehende noch oft für uns selbst. Auch der Bildträger folgt diesem Spannungsprinzip: Das Bild wurde auf vier Tafeln gemalt, die jeweils 90 mal 120 cm groß sind. Diese vier Keilrahmen wurden recht grob zu einer Einheit zusammengezimmert (stellenweise durchbohren die Spitzen der Schrauben die Leinwand auf der anderen Seite), ohne jemals wirklich eine Einheit eingehen zu können. Es bleiben vier scharf voneinander getrennte, autonome Einheiten, die nur aus der Entfernung betrachtet ein großes Ganzes ergeben.
Archu-Stars ist eine Mischung aus einem Graffito, einem überdimensionalen Comic-Strip (180 mal 240 cm) und einem Kinderbild. Es hat so gar nichts Getragenes, Erhabenes, Gediegenes. Es erinnert eher an Kinderstimmen. Manchmal sind sie schön. Und manchmal gehen sie furchtbar auf die Nerven.
